Anekdote 1 – Stuhlgang

Okok.

Ich hatte es versprochen, hier also die erste kurze Anekdote aus dem Alltag eines Arztes im Krankenhaus.

Ich werde die Anekdoten, zum Nachlesen, als Linksammlung auf einer Extraseite hier sammeln, damit sich alle daran erfreuen können, und sie nicht in der Fülle der anderen Themen untergehen.

Also, es trug sich zu:

Ich hatte Nachtdienst, und es war schon relativ viel los gewesen diesen Abend. Die Uhr lief auf die 1 zu, und gerade war der letzte Patient versorgt und von seinen Schmerzen befreit, da tauchte vor unserem Tresen ein Kerl auf. Groß, mittelschwer, so um die 40.
Im Prinzip nicht unser Klientel. Heißt im Klartext: Entweder hat er nichts, oder er ist besoffen. Oder tatsächlich krank, dann aber eher schwer. In dieser Reihenfolge muss man da denken.

Ich bin also zu ihm hin, und spreche ihn an. Ich gebe die Unterhaltung, die folgt, nach bestem Wissen und Gewissen wieder. Ob der Wortlaut immer 100% stimmt, weiß ich nicht. Aber der Sinn stimmt!

Ich: „Womit kann ich ihnen helfen?“
Er: „Weiß ich doch nicht. Ich brauche einen Arzt!“
Ich: „Der bin ich. Was kann ich denn für sie tun. Was fehlt ihnen denn?“
Er: „Also, Herr Doktor, ich kann mit ihnen ja offen sprechen: Ich kann nicht kacken!

„Ich versuch’s ja, aber es geht nicht!“

(Das kann ein ernsthaftes Problem sein. Deshalb bin ich auch erstmal ernst geblieben, nur weil er sich komisch ausdrückt, könnte er ja tatsächlich meine Hilfe brauchen!)

Ich: „Seit wann haben sie denn dieses Problem?“
Er: „Na, seit heute morgen. Ich kann sonst jeden morgen, nur heute, da geht nix!“
Ich: „Sie hatten also gestern normal Stuhlgang, und heute morgen nicht. Ist das schon mal vorgekommen? Haben sie denn Schmerzen jetzt?“
Er: „Schmerzen? Wieso? Ich kann nur nicht kacken! Ich kann immer morgens. Nur heute nicht. Ist schon mal gewesen, da konnte ich dann am Nachmittag, aber heute, ich geh’ dauernd, aber da kam heute Morgen fast nix, und dann den ganzen Tag nix mehr.“

(Nun muss ich mal was erklären:
1. Alles zwischen alle 3 Tage und 3 Mal am Tag ist normal!
2. An dem Tag war es sehr heiß. Wenig Flüssigkeit aufgenommen heißt, dass der Körper sich die Flüssigkeit woanders holt. Eben auch aus dem Darm. Dadurch flutscht es manchmal schlechter…
3. Dauernd rennen und drücken ist eher kontraproduktiv. Entspannen ist deutlich besser!
Aber weiter im Text.)

Ich: „Nun, am besten wäre es, sie gingen nach Hause und würden bis morgen warten. Trinken sie ausreichend (2 l) und morgen wird schon alles wieder normal sein. Wenn nicht, stellen sie sich vielleicht noch mal beim Hausarzt vor, der kann ihnen dann ein Medikament verschreiben, wie wäre das?
Er: „Das wäre voll Scheiße, ich will jetzt geholfen kriegen! Ich will kacken!“
Ich: „Nun, das wird aber schwierig, dafür müsste ich sie aufnehmen! Dann kann ich ihnen Medikamente geben, oder andere Maßnahmen ergreifen, die sind aber eher unnötig, denke ich!“

(Zur Erklärung: Als Krankenhausarzt kann ich nur Notfallbehandlungen machen, oder aufnehmen ins Krankenhaus. Ich kann keine Kassenrezepte schreiben, da unsere Notaufnahme keine Ambulanzberechtigung hat. Daraus folgt: Rezepte ungültig. Etwas schwierig die Sache… Mit der „Androhung“ einer Aufnahme hoffte ich ihn ja auch zu vertreiben.)

Daraufhin er: „Ja, dann nehmen sie mich auf! Ich bleibe hier, und wenn es eine Woche dauert!“
Und das war dann das erste Mal, und bisher auch das einzige Mal, wo ich sagte: „Nein, ich nehme sie heute Nacht nicht auf! Sie gehen wieder nach Hause, ich kann ihnen die Nummer vom Hausarztnotruf geben, aber mehr ist nicht drin!“

Daraufhin ist er umgedreht und schimpfend abgedampft, ohne mich oder die Schwester noch eines Blickes zu würdigen. Die Nummer wollte er wohl auch nicht mehr.
Ich meine, was soll ich machen? Der Kerl war irre. Ich muss ja auch daran denken, was überhaupt indiziert ist. Und Therapien beim gesunden Menschen (der er war, keine Schmerzen und im Prinzip normaler Stuhlgang) sind ethisch nicht vertretbar.
Aber gut, mit so was schlägt man sich nachts schonmal im Krankenhaus herum.


...

Ich habe kein Copyright, sorry. Aber witzig isses!

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Über thundla
Arzt und Querdenker.

4 Responses to Anekdote 1 – Stuhlgang

  1. atog28 says:

    Placebos kann man nicht geben in solchen Fällen?

    • thundla says:

      Hi,

      ja, schon. Zwei Probleme dabei gibt es:
      1. Placebos zählen als Medikament, damit hat man wieder das Problem mit der Aufnahme. Weil sie übrigens auch sehr viel Geld kosten, da sie ebenfalls nach dem Arzneimittelgesetz hergestellt werden müssen.
      2. Die Leute wollen schnelle Hilfe, und kennen bei dieser Art Problem häufig schon die meisten der Mittel…

  2. Crunch says:

    Was mich allerdings vielmehr interessiert ist die Frage, ob solche Geschichten nicht unter die ärztliche Schweigepflicht fallen, denn in dem Sinne hat der Mann sich doch vertrauensvol an Sie als Arzt gewand oder sehe ich das Falsch?l

    • thundla says:

      Direkte Patientenkontakte fallen unter die ärztliche Schweigepflicht. Das nehme ich auch sehr ernst.
      Allerdings lassen sich aus den in dem Text gemachten Angaben keine speziellen Personen herausfiltern.
      1. weil ich Namen, Zeit und Umstände weglasse,
      2. weil ich durchaus auch mal mehrere Fälle in einem Zusammenfasse und
      3. weil ich die Fälle meist auch etwas verfremde.

      Fallvorstellungen sind übrigens grundsätzlich erlaubt, man kann dies ja auch als solche verstehen.

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